Bürgermeister Guntram Zimmermann hat in 24 Jahren einiges erlebt

Veröffentlicht am 19.08.2020 in Kreistagsfraktion

Guntram Zimmermann

Nach 24 Jahren hört Zimmermann in Spechbach auf. Im RNZ-Interview hält er Rück- und Ausblick.

Von Thomas Frenzel

Spechbach. Zum 31. August endet seine Amtszeit: Guntram Zimmermann hatte auf eine erneute Kandidatur bei der Bürgermeisterwahl 2020 in Spechbach verzichtet. Die SPD verliert damit in den 17 Städten und Gemeinden rund um Heidelberg eine von drei sozialdemokratischen Rathausleitungen: Zimmermann Nachfolger ist sein bisheriger Stellvertreter von den Freien Wählern, Werner Braun. Im RNZ-Interview hält Zimmermann Rückblick auf seine 24 Bürgermeisterjahre in Spechbach.

Herr Zimmermann, was verbinden Sie mit dem Namen Rolf Pfefferle?

Mit vier weiteren anderen Kandidaten hatten wir uns 1996 um das Bürgermeisteramt beworben – er nach 16 Jahren im Amt und ich als neues Gesicht. Dass ich gewonnen habe, war für ihn nicht einfach. Das war wohl mit ein Grund, weshalb er wieder nach Weinsberg zog, woher er ursprünglich kam. Inzwischen haben wir beide aber ein völlig ungestörtes Verhältnis.

Sie lebten damals in Heidelberg. Was hat Sie bewogen, in Spechbach anzutreten?

Es war mein Schwiegervater. Der hat in mir den Funken gelegt. Ich erinnere mich noch, das war im Spechbacher Wald, beim Holzmachen. Da hatten wir uns auch darüber unterhalten, was in Spechbach gut oder weniger gut lief.

Was war entscheidender für Ihren Wahlerfolg – Ihre SPD-Mitgliedschaft oder Ihr Beruf als Polizist?

Ich glaube weder noch, sondern meine Art, wie ich nun mal bin. Dann habe ich einen Wahlkampf gemacht, wie ihn Spechbach bis dahin noch nicht erlebt hatte. Mit Hausbesuchen und allem Drum und Dran. Dabei verteilte ich auch zahllose Zimmermannsbleistifte mit meinem Wahlkampfspruch: "Einer wie wir – Guntram Zimmermann". Das muss wohl angekommen sein.

Können Sie sich noch an den Tag Ihrer Vereidigung entsinnen?

Die Turn- und Festhalle war ganz voll. Und vor diesen vielen Menschen musste ich reden. Da wurde so viel Adrenalin freigesetzt, dass alles wie in einem Film an mir vorbeiging. Ich weiß nur noch, dass ich die Rede damals zuhause in Handschuhsheim vor dem Spiegel im Badezimmer geübt hatte.

Mit 24 Jahren an der Rathausspitze sind Sie in den 17 Kommunen rund um Heidelberg der dienstälteste Bürgermeister. Was hat sich in dieser Zeit an dem Beruf verändert?

Die Gesellschaft hat sich verändert. Dass der Bürgermeister der Bürgervertreter aller im Ort ist, wird nicht mehr gesehen. In den letzten Jahren ging generell Respekt verloren. Es herrscht zunehmend ein All-inclusive-Denken. Viele glauben zum Beispiel, dass die Gemeinde sie über den Tisch ziehen will. Das stimmt aber nicht. Wir sind an Recht und Gesetz gebunden – das übrigens gerne und aus voller Überzeugung.

Sie geben das Stichwort: Kann eine Dorfverwaltung wie in Spechbach in einer immer komplexer werdenden Gesetzes- und Rechtslage überhaupt noch rechtssicher entscheiden?

Ja! Wir jedenfalls pflegen deshalb seit Jahr und Tag das Verhältnis zu unserer Fachaufsicht im Landratsamt. Das ist unsere Beratungsagentur. Und sollte die einmal nicht weiterhelfen können, dann haben wir immer noch unsere Anwaltskanzlei, die uns seit Jahren betreut und breit aufgestellt ist. Gerade in der Coronakrise, als es fast täglich neue Verordnungen gab, hat sich dieses System bewährt.

Dennoch: Kann ein Dorf wie Spechbach langfristig seine Selbstständigkeit bewahren?

Ich halte sehr viel von der dörflichen Kleinteiligkeit. An mehr interkommunaler Zusammenarbeit wird trotzdem niemand vorbeikommen. Nur ein Beispiel: Unsere Lohnbuchhaltung erledigt seit Jahren das Landratsamt – und wir zahlen dafür. Beim Standesamt haben wir jetzt eine Regelung, wonach sich Spechbach, Lobbach und Eschelbronn gegenseitig vertreten können. Das alles ist sicher ausbaufähig, bedarf aber einer ausgeprägten Partnerschaft. Wichtig ist, dass die örtlichen Rathäuser erhalten bleiben. Das ist Bürgernähe schlechthin.

In diesem Zusammenhang: Wo wird im Dorf die Politik gemacht? Am Stammtisch? Im Gemeinderat? Beim Grillabend?

Überall. Auf dem Sportplatz, auf der Straße, bei jedem Eckenfest, bei Vereinsfeiern. Kommunalpolitik ist bodennah und man muss zuhören. Ich habe mir immer Notizen gemacht, die ich dann mit meinen Mitarbeitern durchgegangen bin.

Irgendwann kennt man in 24 Jahren wohl jeden Mitbürger in einem 1800-Seelen-Dorf. Wie schwer fallen dann Entscheidungen, bei denen man Leuten auf die Füße treten muss?

Da verweise ich auf meine 22 Jahre bei der Polizei. Die haben mir bei so mancher heftigen Diskussion sehr geholfen. Wenn der Polizist einen Autofahrer anhält und ein Bußgeld einfordert, ist er ja auch ein Überbringer schlechter Nachrichten. Wichtig ist, dass dem Gegenüber klar wird, dass der Fehler bei ihm liegt und nicht beim Überbringer der Nachricht.

Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht das Ehrenamt?

Im Dorf ist das Ehrenamt ein gewichtiges Standbein für das Zusammenleben. Mit ihm lassen sich auch unsere Neubürger einfangen, wenn die Kinder zum Turnen gehen oder zum Fußball. Mir ist es so wichtig, dass ich in fast jedem Verein Mitglied bin. Das kann, das muss man nicht machen.

Welchen Einfluss hat das Coronavirus auf dieses ehrenamtliche Engagement?

Dass eine ganze Reihe liebgewonnener Veranstaltungen abgesagt werden mussten, ist kein Geheimnis. Wir wollten und wollen ja nicht zu einem Hotspot werden. Dazu ist die Lage zu ernst. Und natürlich gibt es Einschränkungen. So bleibt notgedrungen unsere Turn- und Festhalle geschlossen – in Absprache mit den Vereinen. Sie können die Hygieneauflagen nicht stemmen, und die Gemeinde hat wegen der Desinfektion von Schule, Kindergarten und Mittagstisch ebenfalls keine personellen Reserven mehr.

Was war rückblickend Ihre wichtigste Entscheidung als Bürgermeister? Auf was sind Sie stolz?

Auf mein Gesamtwerk. Ich glaube, das kann sich sehen lassen. Dazu gehören unsere Neubaugebiete Wettumgraben oder Gässel, bei denen alles geflutscht ist, und auch unser Förderverein Specht. Dem haben wir nicht nur schöne Konzerte im Bürgersaal zu verdanken, sondern in seinen 23 Jahren auch Einnahmen von gut 150.000 Euro. Damit konnten wir unseren Vereinen in vielen Fällen helfen, bei der Anschaffung von Musikinstrumenten, der Hallenbestuhlung, der Hallenbühne, dem Friedhofskreuz, genauso wie beim Kauf eines Rasenmähers.

Auf was hätten Sie am liebsten verzichtet?

Auf Corona. Das Virus wird uns noch sehr lange begleiten.

Und auf was noch?

Auf das lange Herumgezuchtel bei unseren jüngsten Projekten, sprich: beim Neubau unseres Feuerwehrhauses und beim Baugebiet Taubenbaum. Da gab es juristische Auseinandersetzungen, und persönliche Verletzungen blieben teilweise auch nicht aus. Wenn es wie bei den Erschließungskosten ums eigene Geld geht, hört halt die Liebe auf.

Der Niedergang der Infrastruktur in den Dörfern trifft auch Spechbach. Wie lässt sich Ihrer Meinung nach gegensteuern?

Wir versuchen das mit unserer digitalen Plattform "Marktfee.app". Auf der können die Bürger bestellen und die Lieferung bei unserem Metzger abholen. Nebenbei wird der dann auch zum Treffpunkt. Aber Sie haben recht: Wir haben keinen Bäcker mehr, auch keinen Lebensmittelhandel – obwohl wir alles versucht haben. Vielleicht öffnet unser Gasthof wieder. Stimmt das Angebot, werden hoffentlich auch die Kunden kommen.

Ihr Nachfolger Werner Braun, der mit 52,5 Prozent schon auf Anhieb die Wahl gewann, wird am 1. September sein Amt antreten. Wie darf man sich die Übergabe der Amtsgeschäfte vorstellen?

Wir beide treffen uns regelmäßig. Ein Riesenvorteil ist ja: Er war mein Stellvertreter und kennt vieles. Jetzt geht es vor allem um Haus- und Verwaltungsinternes. Um die Mitarbeiter, um das Archiv, um die abgespeicherten Dateien zu den verschiedensten Bauangelegenheiten, aber auch um profane Dinge wie die Stehtische oder den Pizzaofen, die wir für die Vereine in unserem Keller gelagert haben.

Ihr Diensthandy wird zum 1. September abgeschaltet. Wird Ihnen das ständige Gefragt-Sein fehlen?

Zum Handy verbindet mich kein Liebesverhältnis. Der Spruch "Der König ist tot, es lebe der König!" gilt auch für Bürgermeister. Dass dich dann einige Bürger nicht mehr kennen … ist halt so.

Wie muss man sich Guntram Zimmermann als Pensionär vorstellen? Wird er zum Hausmann? Fährt er von morgens bis abends Rennrad? Schaut er im Garten dem Gras beim Wachsen zu? Oder wird er die Graue Eminenz im kommunalpolitischen Hintergrund?

Mit Ausnahme des Fahrradfahrens, das ich seit vielen Jahren betreibe, wird hoffentlich nichts zutreffen. Jedenfalls habe ich mir vorgenommen, nicht zum Couch-Potato zu werden. Ich werde sicher meine Ehefrau in ihrer Firma unterstützen. Sie möchte auch im digitalen Markt aktiv werden. Und was die Kommunalpolitik anbelangt, so werde ich mich in Spechbach heraushalten.

Als Kreisrat habe ich in den nächsten Jahren Betätigungsfelder mehr als genug. Genau das habe ich meinem Nachfolger auch zugesichert. Wenn er meinen Rat sucht – gerne. Aber er ist ab dem 1. September der Chef und dann gilt, was er sagt. Mit Blick auf unsere anstehenden Bauprojekte möchte ich auch noch anfügen: Werner ist als gelernter Straßenbaumeister mit Sicherheit der richtige Mann am richtigen Platz.

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Hintergrund

Guntram Zimmermann wurde am 7. Juni 1956 in westfälischen Volmerdingsen rund 90 Kilometer südlich von Hannover geboren. Mit seinen Eltern, die 1972 beruflich nach Mosbach wechselten, kam er nach Nordbaden. Zwei Jahre später begann er in Bruchsal und Karlsruhe-Durlach seine Ausbildung bei der Polizei. In der Folge war er im Revier Heidelberg-Süd und auch beim Verkehrsdienst mit dem Schwerpunkt Spedition und Gefahrentransporte tätig. Vorübergehend war "der Lange", wie Guntram Zimmermann aufgrund seiner Körpergröße von exakt zwei Metern genannt wurde, im Personen- und Objektschutz eingesetzt. Er war Fahrer des Kommandierenden Generals der 7. US-Armee, Frederick J. Kroesen, nachdem dieser am 15. September 1981 einen Anschlag durch den RAF-Terroristen Christian Klar leicht verletzt überlebt hatte.
Der SPD trat Guntram Zimmermann bereits 1978 bei. 1996 kandidierte der Polizeibeamte bei der Bürgermeisterwahl in Spechbach, dem Geburtsort seiner Frau Hanne Christ-Zimmermann, mit der er seit 1979 verheiratet ist und einen erwachsenen Sohn hat. Er gewann die Wahl im zweiten Durchgang mit knapp 53 Prozent gegen den bis dahin amtierenden Rolf Pfefferle. 2004 und 2012 wurde Zimmermann mit überdeutlichem Votum im Amt bestätigt. Von 2007 bis Ende 2019 stand Zimmermann dem Abwasserzweckverband "Meckesheimer Cent" vor, dessen Vorstand er seit 2001 angehörte. Seit 2009 ist Zimmermann Mitglied im Kreistag des Rhein-Neckar-Kreises.
 

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